Beckenbodentraining nach Prostata-OP
Nach der Prostatektomie hält nur noch der äußere Schließmuskel. Wie Sie ihn finden, trainieren und wann die Kontinenz zurückkommt.
Warum die Kontinenz nach der OP leidet
Die Prostata liegt direkt unter der Blase und umschließt die Harnröhre. Bei der Entfernung geht der innere Schließmuskel am Blasenausgang verloren. Übrig bleibt der äußere Schließmuskel, der Teil des Beckenbodens ist. Er muss jetzt allein halten, was vorher zwei Systeme geleistet haben, und dazu ist er oft zu schwach oder zu langsam. Dazu kommt, dass Nerven und Bindegewebe rund um die Harnröhre bei der Operation gedehnt oder verletzt werden.
Typisch ist die Belastungsinkontinenz: Urinverlust bei Druckerhöhung im Bauch, also beim Husten, Niesen, Lachen, Aufstehen, Treppensteigen oder Heben. Nachts im Liegen ist meist Ruhe. Unmittelbar nach der Katheterentfernung sind 70 bis 90 Prozent der Männer betroffen, nach 12 Monaten noch 5 bis 20 Prozent. Beckenbodentraining verkürzt diese Zeit deutlich.
Der Ablauf: vor der OP bis Monat 12
Muskel finden, bevor er gebraucht wird
Idealerweise 2 bis 4 Wochen vor dem Eingriff: Wir zeigen Ihnen, wo der Beckenboden sitzt, wie er sich anspannt und wie er sich von Bauch und Gesäß unterscheidet. Wer das vorher lernt, findet den Muskel nach der OP viel schneller. Eine Verordnung dafür stellt der Urologe oder Hausarzt aus.
Nur Atmung, Aufstehen, Gehen
Solange der Katheter liegt, kein Beckenbodentraining, die Harnröhre soll in Ruhe heilen. Erlaubt und sinnvoll: Bauchatmung, Aufstehen über die Seite, kurze Spaziergänge, kein Pressen beim Stuhlgang.
Finden, halten, abstufen
Jetzt beginnt das eigentliche Training: sanfte Anspannung, 3 bis 5 Sekunden halten, doppelt so lange lösen, 10 Wiederholungen, 3 x täglich. Im Liegen anfangen, dann Sitzen, Stehen. Wir prüfen, ob die richtigen Muskeln arbeiten, bei Bedarf mit Biofeedback.
Der Reflex vor dem Husten
Anspannen, bevor der Druck kommt: vor dem Husten, Niesen, Aufstehen, Heben. Diesen Vorgriff ("The Knack") üben wir, bis er automatisch läuft. Dazu Kraftausdauer (10 Sekunden halten) und schnelle Kontraktionen. Rumpf- und Hüftkräftigung kommt dazu.
Sport, Arbeit, Reisen
Walking, Radfahren, Schwimmen früh, Laufen und Krafttraining nach Rücksprache, Heben bis 10 kg meist nach 6 Wochen freigegeben. Wer nach 6 bis 12 Monaten trotz konsequenten Trainings mehr als eine Vorlage pro Tag braucht, bespricht mit dem Urologen weitere Optionen (Schlinge, künstlicher Schließmuskel).
So finden Sie den richtigen Muskel
Die meisten Männer spannen anfangs Bauch, Gesäß oder Oberschenkel an, aber nicht den Beckenboden. Drei Bilder, die helfen:
- Urinstrahl stoppen: Stellen Sie sich vor, Sie unterbrechen den Urinstrahl. Der Penis zieht sich dabei leicht zurück, die Hoden heben sich. (Nur als Vorstellung, nicht wirklich auf der Toilette üben.)
- Winde zurückhalten: Den After schließen, als wollten Sie Blähungen zurückhalten, dann die Spannung nach vorn zur Harnröhre "wandern" lassen.
- Kontrolle mit der Hand: Im Liegen eine Hand auf den Damm zwischen Hodensack und After legen. Bei richtiger Anspannung hebt er sich leicht nach innen, Bauch und Gesäß bleiben weich.
Wichtig: ruhig weiteratmen, Luft nicht anhalten. Wer nach 2 Wochen unsicher ist, ob es klappt, kommt zu uns, ein Befund klärt das in einer Sitzung. Das vollständige Programm mit fünf Übungen finden Sie unter Beckenbodenübungen.
Was noch hilft
Im Alltag
- Vor jedem Husten, Niesen, Aufstehen: erst anspannen, dann bewegen
- Trinken nicht einschränken, 1,5 bis 2 Liter über den Tag, abends weniger
- Kaffee, Alkohol und kohlensäurehaltige Getränke reizen die Blase, testweise reduzieren
- Stuhlgang weich halten, Pressen belastet den frischen Beckenboden
- Vorlagen benutzen, ohne sich zu schämen: Sie sind Werkzeug, nicht Niederlage
In der Praxis
- Befund per Tastuntersuchung oder Ultraschall: arbeitet der richtige Muskel?
- Biofeedback und Elektrostimulation, wenn die Anspannung nicht gelingt
- Rumpf, Hüfte und Atmung: der Beckenboden arbeitet nie allein
- Trainingsprotokoll und Vorlagen-Tagebuch als Erfolgskontrolle
- Rezept: meist KG, 6 bis 10 Einheiten, gern schon vor der OP
Erektion und Beckenboden
Auch die Erektionsfähigkeit leidet nach der Prostatektomie, je nach Nervenschonung. Beckenbodentraining verbessert die Durchblutung und die Fähigkeit, Blut im Schwellkörper zu halten, und ist Teil der penilen Rehabilitation, die der Urologe mit Medikamenten oder Vakuumpumpe begleitet. Sprechen Sie das Thema an, es gehört zur Nachsorge dazu.
Häufige Fragen
Wann beginne ich mit dem Training?
Am besten vor der OP, um den Muskel kennenzulernen. Nach der OP erst, wenn der Katheter entfernt ist, meist nach 7 bis 14 Tagen. Vorher nur Atmung und Gehen.
Wie lange dauert es, bis ich wieder dicht bin?
Sehr unterschiedlich. Viele Männer sind nach 3 Monaten tagsüber trocken, die meisten nach 6 bis 12 Monaten. Regelmäßiges Training verkürzt die Zeit, jüngeres Alter und nervenschonende OP helfen.
Zahlt die Kasse das Beckenbodentraining?
Ja. Der Urologe oder Hausarzt verordnet Krankengymnastik, die Zuzahlung beträgt 10 Euro plus 10 Prozent je Verordnung. Nach Krebs-OP besteht oft besonderer Verordnungsbedarf, das Budget des Arztes wird nicht belastet.
Wie oft und wie lange üben?
3 x täglich 10 Wiederholungen, insgesamt etwa 10 Minuten am Tag, über mindestens 3 Monate. Danach als Erhalt 1 x täglich weiter, gern gekoppelt an Routinen wie Zähneputzen.
Kann ich zu viel trainieren?
Ja. Ein dauerhaft angespannter Beckenboden wird nicht stärker, sondern verkrampft und kann Schmerzen und Entleerungsstörungen auslösen. Die Entspannung zwischen den Wiederholungen ist Teil der Übung.