Physiotherapie bei Long Covid
Wer nach Belastung einbricht, braucht einen anderen Plan als "langsam steigern". Wie wir Atmung, Kreislauf und Energie bei Long Covid behandeln.
Was Long Covid mit dem Körper macht
Von Long Covid spricht man, wenn Beschwerden länger als 12 Wochen nach der Infektion bestehen. Typisch sind Erschöpfung (Fatigue), Kurzatmigkeit, Herzrasen beim Aufstehen, Konzentrationsstörungen (Brain Fog), Muskel- und Gelenkschmerzen und Schlafprobleme. Die Ursachen sind noch nicht vollständig geklärt: anhaltende Entzündung, Störungen des vegetativen Nervensystems, verminderte Sauerstoffverwertung in der Muskulatur und eine veränderte Atemmechanik spielen zusammen. Entscheidend für die Therapie ist eine Frage: Werden die Beschwerden nach Anstrengung für Stunden oder Tage schlimmer? Dann liegt eine Post-Exertional Malaise (PEM) vor, und das übliche Reha-Prinzip "langsam steigern" kann schaden.
Zwei Wege, je nach Belastungsreaktion
Ohne PEM: dosiert aufbauen
Wer sich nach Belastung normal erholt, profitiert von schrittweisem Ausdauer- und Krafttraining: Ergometer im Bereich leichter Anstrengung, kurze Einheiten, Steigerung nur, wenn die letzte Stufe eine Woche lang gut vertragen wurde. Dazu Atemtherapie und Alltagstraining. Ziel ist die alte Belastbarkeit in Wochen bis Monaten.
Mit PEM: Pacing
Pacing heißt, innerhalb der eigenen Energiegrenze zu bleiben, um Crashs zu vermeiden. Wir ermitteln mit Ihnen die Grenze (Aktivitätstagebuch, Pulsuhr, Symptomprotokoll), planen Aktivitäten mit Pausen davor und danach und bauen Belastung erst aus, wenn die Grenze sich von selbst verschiebt. Kein Training bis zur Erschöpfung, keine "Zähne zusammenbeißen"-Strategie. Das ist die Empfehlung der aktuellen Leitlinien.
Was wir konkret tun
- Atemtherapie: Viele atmen nach Covid flach und schnell über die Brust. Zwerchfellatmung, verlängerte Ausatmung und Atemmuskeltraining senken Kurzatmigkeit und Herzfrequenz.
- Kreislauf: Bei Herzrasen im Stehen (POTS-ähnlich) helfen Kompressionsstrümpfe, ausreichend Trinken und Salz nach ärztlicher Rücksprache, Training zunächst im Liegen oder Sitzen (Rudern, Liegeergometer).
- Kraft ohne Erschöpfung: Wenige Wiederholungen mit langen Pausen, um Muskelmasse zu erhalten, ohne die Energiereserve zu leeren.
- Energiemanagement: Prioritäten setzen, Aufgaben teilen, Pausen einplanen, Reize (Lärm, Bildschirm) reduzieren. Wir arbeiten dabei mit Ergotherapie zusammen.
- Manuelle Techniken: Bei Muskel- und Gelenkschmerzen sanfte Mobilisation und Entspannungstechniken, ohne die Belastungsgrenze zu überschreiten.
- Verlaufskontrolle: Wir messen Gehstrecke, Ruhepuls, Symptomstärke und passen den Plan wöchentlich an.
Rezept und Zusammenarbeit
Der Hausarzt oder eine Post-Covid-Ambulanz verordnet Krankengymnastik, bei Atemproblemen Atemtherapie (KG-Atem), meist 6 bis 10 Einheiten. Wichtig ist vorher der Ausschluss anderer Ursachen (Herz, Lunge, Schilddrüse, Blutbild). Bei ausgeprägter PEM oder Verdacht auf ME/CFS stimmen wir uns mit dem behandelnden Arzt ab und halten die Therapie bewusst niedrig dosiert. Wenn der Weg in die Praxis zu viel Energie kostet, kommen wir als Hausbesuch.
Häufige Fragen
Woran erkenne ich eine Post-Exertional Malaise?
Beschwerden wie Erschöpfung, Schmerzen oder Brain Fog verschlechtern sich 12 bis 48 Stunden nach körperlicher oder geistiger Anstrengung deutlich und halten Tage an. Ein Aktivitätstagebuch über 2 Wochen macht das Muster sichtbar.
Darf ich mit Long Covid Sport machen?
Ohne PEM ja, dosiert und mit langsamer Steigerung. Mit PEM nur innerhalb der Energiegrenze, keine Belastung, die am nächsten Tag Symptome verstärkt. Wir helfen, die Grenze zu finden und schrittweise zu erweitern.
Wie lange dauert die Erholung?
Sehr unterschiedlich. Viele sind nach 3 bis 6 Monaten deutlich besser, bei einem Teil dauert es länger als ein Jahr. Rückschläge sind normal, mit Pacing werden sie seltener und kürzer.
Zahlt die Krankenkasse die Physiotherapie?
Ja, auf Verordnung des Hausarztes (Krankengymnastik oder Atemtherapie). Bei anhaltenden Beschwerden kann eine Reha beantragt werden, die Physiotherapie bei uns überbrückt die Wartezeit und begleitet danach.