Schwindel und Halswirbelsäule
Zervikogener Schwindel, Lagerungsschwindel oder Gleichgewichtsstörung: Was die Physiotherapie tun kann und wann Sie zuerst zum Arzt müssen.
Schwindel: erst abklären, dann behandeln
Schwindel hat viele Ursachen: Innenohr, Gleichgewichtsnerv, Kreislauf, Medikamente, Gehirn und eben auch die Halswirbelsäule. Bevor wir behandeln, muss ein Arzt (Hausarzt, HNO, Neurologe) gefährliche Ursachen ausgeschlossen haben. Danach ist die Physiotherapie bei zwei häufigen Formen die Therapie der Wahl: beim zervikogenen (nackenbedingten) Schwindel und beim gutartigen Lagerungsschwindel.
Zervikogener Schwindel: wenn der Nacken das Gleichgewicht stört
Die obere Halswirbelsäule ist voller Bewegungssensoren, die dem Gehirn die Kopfposition melden. Verspannte Nackenmuskeln oder blockierte Kopfgelenke senden widersprüchliche Signale, das Gehirn kann sie nicht mit Innenohr und Augen abgleichen, es entsteht ein Schwank- oder Benommenheitsgefühl. Häufig nach Schleudertrauma, bei HWS-Syndrom, langer Bildschirmarbeit oder Stress.
Typische Merkmale
- Schwank-, Benommenheits- oder Unsicherheitsgefühl, kein Drehschwindel
- Ausgelöst oder verstärkt durch Kopfbewegungen, Nackenhaltung, Stress
- Begleitend Nackenschmerz, Verspannung, Kopfschmerz aus dem Hinterkopf
- Oft Ohrdruck oder Tinnitus ohne HNO-Befund
- Dauer Minuten bis Stunden, über Wochen wiederkehrend
Unsere Behandlung
- Sicherheitstests vor der ersten Behandlung
- Manuelle Therapie der Kopfgelenke und oberen HWS, sanft und ohne Manipulation
- Weichteil- und Triggerpunktbehandlung der Nackenmuskulatur
- Sensomotorisches Training: Kopf-Augen-Koordination, Blickstabilisation
- Kräftigung der tiefen Nackenbeuger, Haltungsschulung
- Heimprogramm: Schulter- und Nackenübungen
Gutartiger Lagerungsschwindel: Kristalle am falschen Ort
Der häufigste Schwindel überhaupt. Kleine Kalkkristalle lösen sich im Innenohr und geraten in einen Bogengang. Bei bestimmten Kopfbewegungen, meist Umdrehen im Bett oder Kopf in den Nacken legen, entsteht für 10 bis 60 Sekunden heftiger Drehschwindel, oft mit Übelkeit. Die Behandlung ist verblüffend einfach: Mit Lagerungsmanövern (Epley- oder Semont-Manöver) werden die Kristalle zurück an ihren Platz befördert. Erfolgsrate nach 1 bis 3 Anwendungen über 90 Prozent. Wir führen das Manöver durch und zeigen Ihnen die Heimvariante.
Vestibuläre Rehabilitation
Nach einem Ausfall des Gleichgewichtsorgans (Neuritis vestibularis), bei Morbus Menière in der schwindelfreien Phase oder bei chronischem Schwindel im Alter trainieren wir das Gleichgewichtssystem gezielt: Blickstabilisationsübungen, Gehen mit Kopfbewegungen, Stand auf weichen Unterlagen, Gewöhnungsübungen an auslösende Bewegungen. Das Gehirn lernt, die veränderten Signale neu zu verrechnen. Ergänzend: Sturzprophylaxe.
Häufige Fragen
Woher weiß ich, ob mein Schwindel von der Halswirbelsäule kommt?
Hinweise: Der Schwindel ist eher ein Schwank- oder Benommenheitsgefühl (kein Drehschwindel), tritt bei Kopfbewegungen oder nach langem Sitzen auf und geht mit Nackenverspannung oder -schmerz einher. Ohr- und Nervenerkrankungen müssen vorher ärztlich ausgeschlossen sein.
Was ist ein Lagerungsschwindel und hilft Physiotherapie?
Beim gutartigen Lagerungsschwindel (BPLS) lösen sich Kristalle im Innenohr und reizen die Bogengänge, typisch: kurzer heftiger Drehschwindel beim Umdrehen im Bett. Er wird mit Lagerungsmanövern (Epley, Semont) behandelt, die wir durchführen und Ihnen zum Selbstüben zeigen.
Kann Manuelle Therapie am Nacken gefährlich sein?
Wir arbeiten an der Halswirbelsäule ausschließlich mit sanften Mobilisationen, ohne ruckartige Manipulationen. Vor der Behandlung prüfen wir Sicherheitstests (Durchblutung der Halsarterien, Bandstabilität). Bei Warnzeichen wie Doppelbildern, Sprachstörung oder Schluckbeschwerden behandeln wir nicht, sondern schicken Sie zum Arzt.
Was hilft bei Schwindel sofort?
Hinsetzen, einen festen Punkt fixieren, ruhig atmen. Bei zervikogenem Schwindel: Wärme auf den Nacken, sanfte Kopfbewegungen im schmerzfreien Bereich. Bei erstmaligem, heftigem Schwindel mit Kopfschmerz, Lähmung, Sprach- oder Sehstörung: Notruf 112.